Plattformadoption als Dynamic Capability

Wie KMU Adoptionsbarrieren bei B2B-Kollaborationsplattformen überwinden

ZeitschriftIndustry 4.0 Science
Ausgabe42. Jahrgang, 2026, Ausgabe 4, Seite 42-48
Open Accesshttps://doi.org/10.30844/I4SD.26.4.5
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Abstract

Digitale Kollaborations- und Innovationsplattformen bieten KMU erhebliche Potenziale zur Kompensation struktureller Ressourcenschwächen und zur Partizipation an Innovationsökosystemen. Dennoch bleibt die Adoption im B2B-Kontext gering. Der Beitrag untersucht diese Adoptionsbarrieren auf Basis einer systematischen Literaturanalyse unter Anwendung des Dynamic-Capabilities-Ansatzes nach Teece. Die Analyse legt nahe, dass sich wiederkehrende Hemmnisse entlang dreier Capability-Dimensionen strukturieren lassen: Sensing: mangelnde Ökosystem-Awareness, fehlende Scanning-Routinen; Seizing: IP-Ängste, Governance-Unsicherheit, Adoption Fatigue; Reconfiguring: Closed-Innovation-Kultur, fehlende Absorptive Capacity. Hierauf aufbauend wird ein praxisorientiertes Capability-Building-Framework mit normativen Handlungsempfehlungen entwickelt.

Keywords

Artikel

Das Plattform-Paradox: Hohes Potenzial, geringe Adoption

Die digitale Transformation industrieller Wertschöpfung vollzieht sich zunehmend über Plattform-Ökosysteme: Unternehmen kollaborieren über digitale Infrastrukturen von Industrie-4.0-Plattformen wie ADAMOS [1], Branchen-Hubs oder datengetriebene Netzwerke. Diese Plattformen versprechen KMU Zugang zu komplementären Kompetenzen, beschleunigte Innovationszyklen und damit die Möglichkeit, strukturelle Ressourcenschwächen auszugleichen.

Dennoch zeigt sich ein Paradox: Während Großunternehmen eigene Plattform-Ökosysteme orchestrieren, bleiben viele KMU trotz strategisch relevanter Vorteile zurückhaltend [2]: Warum also adoptieren KMU nicht und wo liegen die Barrieren? Die bestehende Literatur befasst sich primär mit Adoptionsmotiven; eine systematische, theoretisch fundierte Analyse der Hemmnisse fehlt. Dieser Beitrag schließt diese Lücke, indem er Adoptionsbarrieren als Defizite spezifisch organisationaler Fähigkeiten mit Hilfe des Dynamic-Capabilities-Ansatzes konzeptualisiert [3], um daraus ein praxisorientiertes Framework zu entwickeln.

Dynamic Capabilities als Schlüssel zur Plattformpartizipation von KMU

KMU unterscheiden sich von Großunternehmen durch Ressourcenknappheit, spezifische Pfadabhängigkeiten (informelle Strukturen, relationale Praktiken), IP-Sensibilität (Schutz von Kernkompetenzen) und Governance-Unerfahrenheit (Multi-Stakeholder-Koordination) [2]. Kollaborations- und Innovationsplattformen als digitale Ökosysteme zielen – in Abgrenzung zu Transaktionsplattformen – auf kooperative Wertschöpfung: Ko-Produktentwicklung, gemeinsame Datennutzung, bzw. koordinierte Innovationsprozesse [4]. Sie ermöglichen es KMU, durch Zugang zu externem Wissen, Risikoteilung und neue Geschäftsmodelle [5], ihre inhärenten Wettbewerbsnachteile gegenüber Großunternehmen einerseits (Ressourcenknappheit) und Start-ups andererseits (Pfadabhängigkeiten) zu überwinden.

Das von Teece [3] etablierte Konzept der Dynamic Capabilities (DC) bezeichnet die Fähigkeit einer Organisation, sich verändernden Umwelten anzupassen. Es unterscheidet drei Dimensionen: Sensing (Chancen erkennen), Seizing (Gelegenheiten ergreifen) und Reconfiguring (Organisation anpassen). Dieser Ansatz ermöglicht eine konzeptionelle Einordnung der o.g. Adoptionsbarrieren in KMU, indem er Plattformadoption nicht als einmalige technologische Entscheidung, sondern als tiefgreifende organisationale Anpassungsleistung charakterisiert [6].

Methodische Vorgehensweise

Der vorliegende Beitrag basiert auf einer systematischen Literaturanalyse nach dem PRISMA-2020-Schema [7] (Bild 1). Die 45 identifizierten Beiträge wurden mit Hilfe der Software ATLAS.ti qualitativ nach Mayring [8] ausgewertet und deduktiv den Capability-Dimensionen zugeordnet. Neben expliziten Verweisen auf DC wurden auch implizite konzeptionelle Bezüge berücksichtigt.

Bild 1: Methodischer Selektionsprozess: Systematische Literaturrecherche. Kollaboration
Bild 1: Methodischer Selektionsprozess: Systematische Literaturrecherche.

Die nachfolgende Analyse basiert auf einer fokussierten Synthese einschlägiger Literatur; zitiert werden exemplarisch zentrale Beiträge zur theoretischen und empirischen Einordnung der identifizierten Barrieren.

Die dreifache Blockade der Plattformadoption von KMU

Sensing: Blinde Flecken verhindern Ökosystem-Awareness

Im B2B-Kollaborationskontext besteht geringe Transparenz über Plattform-Ökosysteme. KMU wissen oft nicht, welche Plattformen existieren oder wie Partizipation praktisch organisiert werden kann [9]. Während Großunternehmen vielfach systematische Ökosystem-Beobachtung etabliert haben [2], fehlen KMU häufig strukturierte Scanning-Routinen. Zusätzlich kann die operative Einbindung der Geschäftsführung die Möglichkeit strategischer Technologiebeobachtung begrenzen [10]. Kognitive Pfadabhängigkeiten reduzieren darüber hinaus die Wahrnehmung externer Innovationsopportunitäten zugunsten legitimierter interner Entwicklungsmodelle [11, 12].

Seizing: Angst vor Wissensabfluss

Selbst wenn KMU Kollaborationsplattformen kennen, bleibt die Adoption häufig aus. Innovationsplattformen erfordern die Offenlegung technischer Informationen, Produktionsdaten und kollaborativer Entwicklungsprozesse. KMU befürchten, dass dieses Wissen von Wettbewerbern oder mächtigeren Plattformpartnern absorbiert werden könnte [12]. Hinzu kommt, dass viele Plattformen von großen Unternehmen orchestriert werden, die Standards definieren und Zugangsbedingungen kontrollieren. Für KMU entstehen dadurch Unsicherheiten hinsichtlich Verhandlungsmacht, Datennutzung und Wertschöpfungsverteilung [2, 4].

Gleichzeitig erhöht die Integration in Plattformökosysteme durch Datenmanagement sowie Kompetenz- und Prozessausbau die organisatorische Komplexität [2]. Die häufig schwer quantifizierbaren Nutzen und Renditen plattformbasierter Kollaboration verstärken zusätzlich die Unsicherheit über die tatsächliche Wertschöpfung und deren gerechter Verteilung [2].

Reconfiguring: Organisatorische Trägheit verhindert Anpassung

Plattformpartizipation erfordert tiefgreifende organisationale Anpassungen. Innovationsprozesse in KMU sind häufig intern orientiert [13]; externe Kooperation erfolgt überwiegend bilateral und projektbezogen. Diese Closed-Innovation-Logik lässt sich schwer mit offenen Plattformpraktiken vereinbaren [14]. Plattform-Ökosysteme erzeugen zudem Interdependenzen: Standards, Entwicklungsprozesse und Innovationszyklen werden zunehmend netzwerkbasiert koordiniert. Gerade autonomieorientierte KMU können dies als Kontrollverlust empfinden [12].

Gleichzeitig fehlt häufig Human- und Finanzkapital [15], um Kompetenzen im Datenmanagement, in Multi-Stakeholder-Kollaboration und der Plattform-Governance aufzubauen oder komplementäre Kompetenzen zu internalisieren [9, 16]. Insbesondere die subjektiv hohe Wahrnehmung von Adoptionsbarrieren kann deren wechselseitige Wirkung verstärken [2].

Capability-Building als Weg zur Plattformfähigkeit

Sensing: Ökosystem-Scanning institutionalisieren

KMU können regelmäßige „Ökosystem-Reviews“ etablieren: strukturierte Recherche nach relevanten Industrie-4.0-Plattformen oder Innovations-Hubs, institutionalisiert als Verantwortlichkeit des Top Managements. Mittelstand-Digital Zentren bieten hierzu kostenlose Beratung und Best-Practice-Workshops. Branchenkonsortien dienen als Intermediäre. Begrenzte Pilotprojekte ohne vollständige Systemintegration ermöglichen Erfahrungslernen bei reduziertem Risiko.

Seizing: Selektive und strategische Partizipation

KMU können gezielt einzelne Innovationsfelder für Kollaboration öffnen (z. B. digitale Services), während die Entwicklung von Kernprodukten intern verbleibt. Diese „Modular-Partizipations-Strategie“ reduziert IP-Risiken. Vor der Partizipation sollten klare Sharing-Grenzen definiert und IP-Bewertungen durchgeführt werden. Gleichzeitig können in so einer „Sandbox“ Governance-Kompetenzen eingeübt werden: Verständnis von Plattform-Geschäftsbedingungen, Verhandlung von Datennutzungsrechten. Ergänzend können sich KMU in Genossenschaftsmodellen zusammenschließen, um Verhandlungsmacht zu bündeln und individuelle Risiken zu senken [1, 17]. Verlässliche Beteiligung kann die Reputation im Plattform-Ökosystem stärken und Machtasymmetrien durch Reziprozität teilweise abfedern [18].

Reconfiguring: Ambidextrie zwischen Closed und Open Innovation

Plattformen erweitern interne Fähigkeiten, statt sie zu ersetzen. Open Innovation ermöglicht so Zugang zu komplementärem Wissen und beschleunigten Problemlösungen [19]. Erfolgreiche Plattformpartizipation erfordert hybride Innovationsmodelle, die Schutz von Kernkompetenzen mit externer Kollaboration verbinden [5, 20]. Weiterbildungen in Datenmanagement, Kollaborationsfähigkeiten, IP-Management und Partnermanagement können den Aufbau von Absorptive Capacity unterstützen [21]. Ergänzend kann ein „Ökosystem-Manager “ interdisziplinär zwischen F&E, IT, Recht und Geschäftsführung koordinieren.

Bild 2: Plattformadoption als Dynamic Capability: Überwindung von Adoptionsbarrieren für KMU in B2B-Ökosystemen.
Bild 2: Plattformadoption als Dynamic Capability: Überwindung von Adoptionsbarrieren für KMU in B2B-Ökosystemen.

Auf Basis der identifizierten Barrieren lässt sich ein capability-basiertes Framework ableiten (Bild 2). Capability-Building ist ein iterativer Lernprozess: Sensing schärft sich durch Seizing-Erfahrungen; Seizing wird durch erfolgreiche Reconfiguring-Maßnahmen erleichtert.

Plattformbetreiber sollten ihrerseits KMU-freundliche Governance schaffen (modulare Partizipationsoptionen, transparente IP-Regelungen). Politik kann durch Digitalisierungsgutscheine, Awareness-Kampagnen und Intermediäre unterstützen [22].

Von Barrieren zu Capabilities: Plattformadoption als lernbare Kompetenz

Dieser Beitrag untersucht auf Basis einer systematischen Literaturanalyse, warum KMU digitale Kollaborationsplattformen trotz erheblicher Vorteile häufig nicht adoptieren. Dabei zeigen sich konsistente Barrieren entlang aller DC-Dimensionen. Es stellt sich heraus, dass KMU Kollaborationsplattformen nicht adoptieren, weil sie dreifach gehemmt sind: Sie erkennen Ökosystem-Opportunitäten nicht (Sensing), schrecken vor Partizipation zurück (Seizing) und scheitern an organisatorischer Anpassung (Reconfiguring). Diese Barrieren sind Ausdruck fehlender Dynamic Capabilities – und damit prinzipiell entwickelbar.

Der Beitrag erweitert damit die DC-Forschung durch Fokus auf Adoptionsbarrieren. Das Capability-Building-Framework bietet KMU eine strukturierte Roadmap zur strategischen Partizipation an Plattform-Ökosystemen: Ökosystem-Scanning etablieren, selektive Pilotpartizipation starten, hybride Innovationsmodelle implementieren. Als konzeptioneller Beitrag basiert die Analyse auf der Synthese bestehender Literatur – die empirische Validierung steht noch aus. Zukünftige Forschung sollte den Fokus explizit und generalisierbar auf Adoptionsbarrieren verlagern, um wirksame Interventionen entwickeln und evaluieren zu können.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „PLATIN-STRAT-KMU“, das vom Deutschen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt unter dem Kennzeichen 02J24A120 gefördert wird.

Dies ist ein Originalbeitrag. Die englische Übersetzung finden Sie unter der DOI: 10.30844/I4SE.26.4.5


Literatur

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